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RAG vs. Fine-Tuning: Wann welcher Ansatz für Ihr LLM-Projekt?

Die wichtigste Architekturentscheidung bei LLM-Projekten: RAG oder Fine-Tuning? Ein praktischer Entscheidungsrahmen mit konkreten Empfehlungen.

"Sollen wir das Modell fine-tunen oder RAG bauen?" – diese Frage kommt in jedem LLM-Projekt. Die Antwort ist fast immer: Starte mit RAG.

Aber warum? Und wann ist Fine-Tuning doch die bessere Wahl?

Was ist RAG?

Retrieval-Augmented Generation ergänzt ein LLM mit externem Wissen:

  1. Dokumente werden in Chunks aufgeteilt und als Embeddings gespeichert
  2. Bei einer Anfrage werden relevante Chunks abgerufen
  3. Das LLM bekommt Frage + Kontext und generiert eine Antwort

Vorteile:

  • Wissen kann ohne Retraining aktualisiert werden
  • Quellen können zitiert werden
  • Funktioniert mit jedem LLM (GPT-4, Claude, Llama)
  • Keine GPU-Infrastruktur nötig

Nachteile:

  • Retrieval-Qualität begrenzt die Antwortqualität
  • Latenz durch zusätzlichen Retrieval-Schritt
  • Komplexere Architektur (Vektorstore, Chunking, Embedding)

Was ist Fine-Tuning?

Beim Fine-Tuning wird ein vortrainiertes Modell auf eigenen Daten weitertrainiert:

  1. Trainingsdaten vorbereiten (Frage-Antwort-Paare, Texte)
  2. Modell auf diesen Daten trainieren
  3. Neues Modell speichern und deployen

Vorteile:

  • Modell lernt Stil, Ton, domänenspezifische Sprache
  • Keine Retrieval-Latenz
  • Kompaktere Architektur

Nachteile:

  • Teuer (GPU-Zeit, Expertise)
  • Wissen veraltet ohne Retraining
  • Keine Quellenangaben möglich
  • Halluzinationsrisiko bei Faktenwissen

Entscheidungsmatrix

KriteriumRAGFine-Tuning
Wissen aktualisieren✅ Einfach❌ Retraining nötig
Quellen zitieren✅ Möglich❌ Nicht möglich
Stil/Ton anpassen⚠️ Schwierig✅ Gut
Initiale Kosten✅ Niedrig❌ Hoch
Laufende Kosten⚠️ Token + Vektorstore✅ Nur Inference
Time-to-Market✅ Schnell❌ Langsam
Faktenwissen✅ Aktuell, zitierbar❌ Statisch

Wann RAG?

RAG ist die richtige Wahl, wenn:

✅ Wissen sich regelmäßig ändert (Produktdaten, Policies, Dokumentation)

✅ Quellenangaben wichtig sind (Compliance, Nachvollziehbarkeit)

✅ Sie schnell live gehen wollen (Wochen statt Monate)

✅ Das Budget begrenzt ist (kein GPU-Cluster)

✅ Faktenwissen im Vordergrund steht

Typische RAG Use-Cases:

  • Interne Wissensdatenbanken
  • Kundenservice-Bots
  • Dokumenten-Q&A
  • Produkt-Assistenten

Wann Fine-Tuning?

Fine-Tuning macht Sinn, wenn:

✅ Ein spezifischer Schreibstil oder Ton nötig ist

✅ Das Modell eine definierte Aufgabe sehr gut können muss

✅ Latenz kritisch ist (keine Zeit für Retrieval)

✅ Sie genug qualitativ hochwertige Trainingsdaten haben (1000+ Beispiele)

✅ Das Wissen relativ stabil ist

Typische Fine-Tuning Use-Cases:

  • Code-Generierung in proprietärer Syntax
  • Spezifische Klassifizierungsaufgaben
  • Markengerechte Texterstellung
  • Domänenspezifische Extraktion

Der Hybrid-Ansatz

In der Praxis funktioniert oft eine Kombination:

Fine-Tuning für Stil + RAG für Wissen

Beispiel: Ein Kundenservice-Bot

  1. Fine-Tuning: Damit das Modell im Ton der Marke antwortet
  2. RAG: Für aktuelle Produktinfos, Preise, Policies

Das Beste aus beiden Welten – aber auch die höchste Komplexität.

Praktische Empfehlung

Schritt 1: Starte mit RAG

  • Schneller Proof of Concept (2-4 Wochen)
  • Validiere den Use-Case mit echten Nutzern
  • Lerne, wo die Grenzen liegen

Schritt 2: Optimiere das Retrieval

  • Chunk-Größe anpassen
  • Bessere Embeddings (BGE, E5, Cohere)
  • Re-Ranking einbauen
  • Hybrid Search (Keyword + Semantic)

Schritt 3: Fine-Tuning evaluieren Erst wenn RAG an seine Grenzen stößt:

  • Stil passt nicht trotz Prompting?
  • Latenz zu hoch?
  • Genug Trainingsdaten vorhanden?

Kosten-Vergleich (Beispiel)

RAG-System für 10.000 Dokumente:

  • Einmalig: 2-4 Wochen Entwicklung
  • Laufend: ~$200-500/Monat (Embeddings, Vektorstore, LLM-Calls)

Fine-Tuning GPT-4:

  • Einmalig: $50-500 Training + 4-8 Wochen Datenaufbereitung
  • Laufend: Inference-Kosten (ähnlich wie Base-Modell)
  • Bei Updates: Erneutes Training nötig

Fine-Tuning Open-Source (Llama, Mistral):

  • Einmalig: GPU-Kosten ($100-1000) + 4-8 Wochen
  • Laufend: Hosting ($200-2000/Monat je nach Traffic)
  • Volle Kontrolle, aber DevOps-Aufwand

Fazit

Starte mit RAG. In 90% der Fälle ist es die richtige Wahl für den Anfang.

RAG gibt Ihnen:

  • Schnelle Time-to-Market
  • Aktualisierbares Wissen
  • Nachvollziehbare Quellen
  • Überschaubare Kosten

Fine-Tuning kommt ins Spiel, wenn Sie an die Grenzen von RAG stoßen – und Sie genug Daten und Budget haben, es richtig zu machen.


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Edward Abiakin

Über den Autor

Edward Abiakin

KI-Berater & Software Engineer

10 Jahre Erfahrung in Software & KI. Ich helfe Unternehmen, KI-Use-Cases zu finden, zu priorisieren und umzusetzen.

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