RAG vs. Fine-Tuning: Wann welcher Ansatz für Ihr LLM-Projekt?
Die wichtigste Architekturentscheidung bei LLM-Projekten: RAG oder Fine-Tuning? Ein praktischer Entscheidungsrahmen mit konkreten Empfehlungen.
"Sollen wir das Modell fine-tunen oder RAG bauen?" – diese Frage kommt in jedem LLM-Projekt. Die Antwort ist fast immer: Starte mit RAG.
Aber warum? Und wann ist Fine-Tuning doch die bessere Wahl?
Was ist RAG?
Retrieval-Augmented Generation ergänzt ein LLM mit externem Wissen:
- Dokumente werden in Chunks aufgeteilt und als Embeddings gespeichert
- Bei einer Anfrage werden relevante Chunks abgerufen
- Das LLM bekommt Frage + Kontext und generiert eine Antwort
Vorteile:
- Wissen kann ohne Retraining aktualisiert werden
- Quellen können zitiert werden
- Funktioniert mit jedem LLM (GPT-4, Claude, Llama)
- Keine GPU-Infrastruktur nötig
Nachteile:
- Retrieval-Qualität begrenzt die Antwortqualität
- Latenz durch zusätzlichen Retrieval-Schritt
- Komplexere Architektur (Vektorstore, Chunking, Embedding)
Was ist Fine-Tuning?
Beim Fine-Tuning wird ein vortrainiertes Modell auf eigenen Daten weitertrainiert:
- Trainingsdaten vorbereiten (Frage-Antwort-Paare, Texte)
- Modell auf diesen Daten trainieren
- Neues Modell speichern und deployen
Vorteile:
- Modell lernt Stil, Ton, domänenspezifische Sprache
- Keine Retrieval-Latenz
- Kompaktere Architektur
Nachteile:
- Teuer (GPU-Zeit, Expertise)
- Wissen veraltet ohne Retraining
- Keine Quellenangaben möglich
- Halluzinationsrisiko bei Faktenwissen
Entscheidungsmatrix
| Kriterium | RAG | Fine-Tuning |
|---|---|---|
| Wissen aktualisieren | ✅ Einfach | ❌ Retraining nötig |
| Quellen zitieren | ✅ Möglich | ❌ Nicht möglich |
| Stil/Ton anpassen | ⚠️ Schwierig | ✅ Gut |
| Initiale Kosten | ✅ Niedrig | ❌ Hoch |
| Laufende Kosten | ⚠️ Token + Vektorstore | ✅ Nur Inference |
| Time-to-Market | ✅ Schnell | ❌ Langsam |
| Faktenwissen | ✅ Aktuell, zitierbar | ❌ Statisch |
Wann RAG?
RAG ist die richtige Wahl, wenn:
✅ Wissen sich regelmäßig ändert (Produktdaten, Policies, Dokumentation)
✅ Quellenangaben wichtig sind (Compliance, Nachvollziehbarkeit)
✅ Sie schnell live gehen wollen (Wochen statt Monate)
✅ Das Budget begrenzt ist (kein GPU-Cluster)
✅ Faktenwissen im Vordergrund steht
Typische RAG Use-Cases:
- Interne Wissensdatenbanken
- Kundenservice-Bots
- Dokumenten-Q&A
- Produkt-Assistenten
Wann Fine-Tuning?
Fine-Tuning macht Sinn, wenn:
✅ Ein spezifischer Schreibstil oder Ton nötig ist
✅ Das Modell eine definierte Aufgabe sehr gut können muss
✅ Latenz kritisch ist (keine Zeit für Retrieval)
✅ Sie genug qualitativ hochwertige Trainingsdaten haben (1000+ Beispiele)
✅ Das Wissen relativ stabil ist
Typische Fine-Tuning Use-Cases:
- Code-Generierung in proprietärer Syntax
- Spezifische Klassifizierungsaufgaben
- Markengerechte Texterstellung
- Domänenspezifische Extraktion
Der Hybrid-Ansatz
In der Praxis funktioniert oft eine Kombination:
Fine-Tuning für Stil + RAG für Wissen
Beispiel: Ein Kundenservice-Bot
- Fine-Tuning: Damit das Modell im Ton der Marke antwortet
- RAG: Für aktuelle Produktinfos, Preise, Policies
Das Beste aus beiden Welten – aber auch die höchste Komplexität.
Praktische Empfehlung
Schritt 1: Starte mit RAG
- Schneller Proof of Concept (2-4 Wochen)
- Validiere den Use-Case mit echten Nutzern
- Lerne, wo die Grenzen liegen
Schritt 2: Optimiere das Retrieval
- Chunk-Größe anpassen
- Bessere Embeddings (BGE, E5, Cohere)
- Re-Ranking einbauen
- Hybrid Search (Keyword + Semantic)
Schritt 3: Fine-Tuning evaluieren Erst wenn RAG an seine Grenzen stößt:
- Stil passt nicht trotz Prompting?
- Latenz zu hoch?
- Genug Trainingsdaten vorhanden?
Kosten-Vergleich (Beispiel)
RAG-System für 10.000 Dokumente:
- Einmalig: 2-4 Wochen Entwicklung
- Laufend: ~$200-500/Monat (Embeddings, Vektorstore, LLM-Calls)
Fine-Tuning GPT-4:
- Einmalig: $50-500 Training + 4-8 Wochen Datenaufbereitung
- Laufend: Inference-Kosten (ähnlich wie Base-Modell)
- Bei Updates: Erneutes Training nötig
Fine-Tuning Open-Source (Llama, Mistral):
- Einmalig: GPU-Kosten ($100-1000) + 4-8 Wochen
- Laufend: Hosting ($200-2000/Monat je nach Traffic)
- Volle Kontrolle, aber DevOps-Aufwand
Fazit
Starte mit RAG. In 90% der Fälle ist es die richtige Wahl für den Anfang.
RAG gibt Ihnen:
- Schnelle Time-to-Market
- Aktualisierbares Wissen
- Nachvollziehbare Quellen
- Überschaubare Kosten
Fine-Tuning kommt ins Spiel, wenn Sie an die Grenzen von RAG stoßen – und Sie genug Daten und Budget haben, es richtig zu machen.
Sie planen ein LLM-Projekt und sind unsicher, welche Architektur passt? Im KI-Workshop entwickeln wir gemeinsam die richtige Strategie.

Über den Autor
Edward Abiakin
KI-Berater & Software Engineer
10 Jahre Erfahrung in Software & KI. Ich helfe Unternehmen, KI-Use-Cases zu finden, zu priorisieren und umzusetzen.
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