Make vs Buy bei KI: LLM-Tools, Agenten, RAG – was passt wann?
Entscheidungshilfe für Unternehmen: Wann lohnt sich Eigenentwicklung, wann sind fertige KI-Tools die bessere Wahl?
Die erste strategische Frage bei jedem KI-Projekt: Bauen wir selbst oder kaufen wir ein? Die Antwort ist selten schwarz-weiß – aber es gibt klare Entscheidungskriterien.
Die drei Optionen im Überblick
1. Fertige SaaS-Tools (Buy)
Beispiele: ChatGPT Enterprise, Microsoft Copilot, Jasper, Copy.ai, Intercom Fin
Vorteile:
- Sofort einsatzbereit (Tage statt Monate)
- Keine Entwicklungskosten
- Wartung und Updates inklusive
- Geringe technische Hürden
Nachteile:
- Begrenzte Anpassungsmöglichkeiten
- Daten verlassen das Unternehmen
- Vendor Lock-in
- Laufende Lizenzkosten skalieren mit Nutzung
Passt wenn:
- Standardaufgaben (Texterstellung, Zusammenfassungen, einfache Chatbots)
- Schneller Start wichtiger als volle Kontrolle
- Keine sensiblen Daten involviert
- IT-Ressourcen begrenzt
2. Low-Code/No-Code Plattformen (Build Light)
Beispiele: n8n, Make, Zapier + OpenAI, Langflow, Flowise
Vorteile:
- Schnelle Umsetzung (Wochen)
- Hohe Flexibilität ohne Programmierung
- Eigene Datenquellen integrierbar
- Kostengünstig für Prototypen
Nachteile:
- Begrenzt bei komplexen Logiken
- Performance-Limits bei hohem Volumen
- Debugging kann schwierig sein
- Abhängigkeit von Plattform-Limits
Passt wenn:
- Spezifische Workflows automatisiert werden sollen
- Eigene Daten eingebunden werden müssen
- Proof of Concept vor großer Investition
- Team hat Zeit zum Experimentieren
3. Custom Development (Build)
Beispiele: Eigene RAG-Pipeline, Fine-Tuned Modelle, Agent-Systeme
Vorteile:
- Volle Kontrolle über Daten und Logik
- Maximale Anpassung an Geschäftsprozesse
- Keine laufenden Lizenzkosten pro User
- Wettbewerbsvorteil durch proprietäre Lösung
Nachteile:
- Hohe initiale Entwicklungskosten
- Expertise erforderlich (LLM, MLOps, DevOps)
- Längere Time-to-Market (Monate)
- Wartung und Updates in eigener Verantwortung
Passt wenn:
- Kernprozess mit strategischer Bedeutung
- Sensible Daten, die nicht extern verarbeitet werden dürfen
- Hohe Nutzerzahlen (Lizenzkosten würden explodieren)
- Langfristige Investition geplant
Entscheidungsmatrix
| Kriterium | Buy (SaaS) | Build Light | Build Custom |
|---|---|---|---|
| Time-to-Market | ✅ Schnell | ✅ Mittel | ❌ Lang |
| Initialkosten | ✅ Niedrig | ✅ Niedrig | ❌ Hoch |
| Laufende Kosten | ⚠️ Skaliert | ✅ Moderat | ✅ Niedrig |
| Flexibilität | ❌ Gering | ⚠️ Mittel | ✅ Hoch |
| Datenkontrolle | ❌ Extern | ⚠️ Teilweise | ✅ Voll |
| Wartungsaufwand | ✅ Keiner | ⚠️ Mittel | ❌ Hoch |
Konkrete Szenarien
Szenario 1: Marketing-Texte erstellen
Empfehlung: Buy (SaaS)
Für Produktbeschreibungen, Social Posts, Newsletter-Entwürfe reichen Tools wie Jasper oder ChatGPT Enterprise. Der Mehrwert von Eigenentwicklung ist minimal.
Szenario 2: Interner Wissensbots für Mitarbeiter
Empfehlung: Build Light → Build Custom
Starte mit n8n + RAG-Template für einen Proof of Concept. Wenn erfolgreich, investiere in eine robuste Custom-Lösung mit eigenem Vektorstore und besserer Integration.
Szenario 3: Kundenservice-Automation
Empfehlung: Hybrid
- Tier 1: Fertige Lösung (Intercom Fin, Zendesk AI) für FAQ-Antworten
- Tier 2: Custom RAG für produktspezifische Fragen mit eigener Dokumentation
- Tier 3: Eskalation an menschliche Agenten
Szenario 4: Dokumentenanalyse mit sensiblen Daten
Empfehlung: Build Custom
Bei Verträgen, Finanzunterlagen oder Patientendaten ist Datensouveränität entscheidend. Azure OpenAI in EU-Region oder On-Premise-Modelle (Llama, Mistral) sind hier Pflicht.
Szenario 5: Code-Generierung für proprietäre Sprache
Empfehlung: Fine-Tuning (Build Custom)
Wenn Ihr Tech-Stack proprietäre Syntax oder interne Frameworks nutzt, braucht es ein Fine-Tuned Modell. GitHub Copilot allein reicht nicht.
Die versteckten Kosten
Bei Buy (SaaS)
- Seat-Lizenzen: 20€-50€/User/Monat multipliziert mit Team-Größe
- API-Kosten: Token-basiert, kann bei hohem Volumen explodieren
- Integration: Oft unterschätzt – CRM, ERP, SSO anbinden kostet Zeit
- Vendor Lock-in: Migration später kann teuer werden
Bei Build Custom
- Entwicklung: 2-6 Monate Entwicklerzeit (50.000€-200.000€+)
- Infrastruktur: GPU-Kosten, Vektorstore, Monitoring (500€-5.000€/Monat)
- Expertise: LLM/ML-Knowhow im Team aufbauen oder einkaufen
- Wartung: 20-30% der Entwicklungskosten jährlich
Meine Empfehlung
Für 80% der Unternehmen gilt:
- Starte mit Buy für nicht-kritische Use-Cases (Marketing, interne Produktivität)
- Teste mit Build Light für spezifischere Anforderungen (eigene Daten, Workflows)
- Investiere in Build Custom nur für strategisch wichtige Kernprozesse
Die größten Fehler:
- Zu früh Custom bauen, bevor der Use-Case validiert ist
- Zu lange bei SaaS bleiben, obwohl Lizenzkosten explodieren
- Vendor Lock-in ignorieren bei kritischen Prozessen
Checkliste für die Entscheidung
- Strategische Bedeutung: Ist das ein Kernprozess oder Nice-to-have?
- Datensensibilität: Können Daten extern verarbeitet werden?
- Skalierung: Wie viele User/Anfragen erwarten wir?
- Budget: Initiale vs. laufende Kosten realistisch kalkuliert?
- Expertise: Haben wir die Skills für Custom Development?
- Time-to-Market: Wie schnell muss die Lösung live sein?
Sie stehen vor einer Make-vs-Buy-Entscheidung? In der KI-Erstberatung analysieren wir Ihren konkreten Case und entwickeln die richtige Strategie.

Über den Autor
Edward Abiakin
KI-Berater & Software Engineer
10 Jahre Erfahrung in Software & KI. Ich helfe Unternehmen, KI-Use-Cases zu finden, zu priorisieren und umzusetzen.
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