DSGVO und KI: Was ist realistisch, was ist riskant?
Praktische DSGVO-Compliance für KI-Projekte im Unternehmen. Ohne Panik, aber mit Substanz. Was Sie wirklich beachten müssen.
"Dürfen wir das überhaupt?" – diese Frage höre ich in fast jedem KI-Projekt. Die Angst vor DSGVO-Verstößen lähmt viele Unternehmen.
Die gute Nachricht: Die meisten KI-Anwendungen sind DSGVO-konform umsetzbar. Man muss nur wissen, worauf es ankommt.
Die wichtigsten DSGVO-Grundsätze für KI
1. Rechtsgrundlage
Jede Verarbeitung personenbezogener Daten braucht eine Rechtsgrundlage. Für KI im Unternehmen relevant:
Berechtigtes Interesse (Art. 6 Abs. 1 lit. f)
- Gilt für viele interne Optimierungen
- Erfordert Interessenabwägung
- Dokumentation ist Pflicht
Vertragserfüllung (Art. 6 Abs. 1 lit. b)
- Wenn KI zur Leistungserbringung nötig ist
- Beispiel: Automatisierte Angebotserstellung
Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 lit. a)
- Für Marketing-Anwendungen oft nötig
- Muss freiwillig, informiert, spezifisch sein
- Kann jederzeit widerrufen werden
2. Datensparsamkeit
Nur die Daten verarbeiten, die wirklich nötig sind. Praktisch bedeutet das:
- Keine vollständigen Kundendatensätze an LLMs senden
- Anonymisierung oder Pseudonymisierung wo möglich
- Daten nach Zweckerfüllung löschen
3. Transparenz
Betroffene müssen wissen, dass und wie ihre Daten verarbeitet werden:
- Datenschutzerklärung aktualisieren
- Bei automatisierten Entscheidungen: Hinweispflicht
- Auskunftsrecht ermöglichen
Praktische Szenarien
Szenario 1: Interner Chatbot für Mitarbeiter
Use-Case: Mitarbeiter fragen einen Chatbot zu internen Prozessen, HR-Themen, IT-Support.
DSGVO-Bewertung: Unkritisch, wenn:
- Keine personenbezogenen Daten in die Wissensbasis fließen
- Chat-Logs nur für Qualitätsverbesserung genutzt werden
- Mitarbeiter informiert sind
Empfehlung: Betriebsvereinbarung abschließen, Transparenz schaffen.
Szenario 2: Kundensupport-Automation
Use-Case: KI beantwortet Kundenanfragen automatisch oder unterstützt Agenten.
DSGVO-Bewertung: Machbar, aber mit Auflagen:
- Kunden müssen wissen, dass KI antwortet
- Personenbezogene Daten minimieren
- Bei US-Anbietern: Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) prüfen
Empfehlung: Datenschutzerklärung anpassen, AVV mit Anbieter abschließen.
Szenario 3: Dokumentenanalyse mit externem LLM
Use-Case: Verträge, Rechnungen oder E-Mails werden von GPT-4 analysiert.
DSGVO-Bewertung: Hier wird es kritisch:
- Personenbezogene Daten verlassen das Unternehmen
- US-Anbieter = Drittlandtransfer
- Sensible Daten (Gesundheit, Finanzen) erhöhen Risiko
Empfehlungen:
- Anonymisierung vor dem API-Call – Namen, Adressen, Kontonummern maskieren
- Europäische Anbieter nutzen – Azure OpenAI in EU-Region, Mistral, Aleph Alpha
- On-Premise-Modelle – Llama, Mixtral lokal betreiben
- AVV abschließen – OpenAI und Microsoft bieten DSGVO-konforme AVVs
Szenario 4: KI-gestützte Personalentscheidungen
Use-Case: Bewerbungen automatisch screenen, Performance-Vorhersagen erstellen.
DSGVO-Bewertung: Hochriskant, Art. 22 DSGVO greift:
- Recht auf menschliche Überprüfung
- Erklärungspflicht für die Entscheidungslogik
- Diskriminierungsrisiken
Empfehlung: Nur als Unterstützung, nie als alleinige Entscheidungsgrundlage. Rechtliche Beratung einholen.
US-Anbieter: Das Drittland-Problem
Seit dem Schrems-II-Urteil ist der Datentransfer in die USA kompliziert. Das EU-US Data Privacy Framework (DPF) hilft, aber:
Was Sie prüfen müssen:
- Ist der Anbieter DPF-zertifiziert? (OpenAI: Ja, Microsoft: Ja)
- Gibt es einen AVV mit EU-Standardvertragsklauseln?
- Werden Daten in EU-Rechenzentren verarbeitet?
Praktische Lösung: Azure OpenAI in Europa
- Rechenzentren in Schweden, Niederlande, Frankreich
- Daten verlassen die EU nicht
- Microsoft als Vertragspartner (einfacheres Procurement)
Checkliste für DSGVO-konforme KI-Projekte
- Rechtsgrundlage dokumentiert?
- Datensparsamkeit umgesetzt? (Nur nötige Daten)
- AVV mit KI-Anbieter abgeschlossen?
- Datenschutzerklärung aktualisiert?
- Verarbeitungsverzeichnis ergänzt?
- TOM (technisch-organisatorische Maßnahmen) dokumentiert?
- Bei automatisierten Entscheidungen: Art. 22 DSGVO geprüft?
- Datenschutz-Folgenabschätzung nötig? (bei hohem Risiko)
Fazit
DSGVO und KI schließen sich nicht aus. Mit der richtigen Architektur und sauberer Dokumentation sind die meisten Use-Cases umsetzbar.
Die Faustregel: Je weniger personenbezogene Daten an externe Systeme fließen, desto einfacher wird Compliance.
Unsicher, ob Ihr KI-Projekt DSGVO-konform ist? In der KI-Erstberatung klären wir die rechtlichen Rahmenbedingungen und finden pragmatische Lösungen.

Über den Autor
Edward Abiakin
KI-Berater & Software Engineer
10 Jahre Erfahrung in Software & KI. Ich helfe Unternehmen, KI-Use-Cases zu finden, zu priorisieren und umzusetzen.
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